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WikiLeaks goes Business: Gut so?

Julian Assange hat vor seiner Verhaftung „MegaLeaks“ aus der Privatwirtschaft angekündigt. Und er hat Grundsätzliches zu seiner Mission ausgeführt: Enthüllungsplattformen würden die Wirtschaft insgesamt sauberer, ehrlicher und ethischer machen. Stimmt das wirklich?
Von Mag. Klaus Putzer
13. Dezember 2010

Das mediale Getöse rund um die Jagd und Verhaftung von WikiLeaks-Gründer Julian Assange hat ein Gesprächin Vergessenheit geraten lassen, das er am 11. November mit „Forbes“-Journalist Andy Greenberg in London führte. In dem zweieinhalbstündigen Interview kündigt Assange an, nach den Enthüllungen aus Militär und Politik als nächstes „unethische“ Machenschaften in der Privatwirtschaft ans Licht zu bringen. Material liege massenhaft vor, aus der Pharmabranche, aus Ölfirmen, aus Banken.

Anfang nächsten Jahres werde er anhand einer großen US-Bank (vermutet wird, dass es sich um die Bank of America handelt) einen „authentischen und repräsentativen Einblick“ in die Verhaltensweisen von Spitzenbankern geben, „in einer Weise, die wahrscheinlich zu Ermittlungen und Reformen führt“. Von der Größenordnung sei dieses „Megaleak“ nur mit dem Enron-Skandal vergleichbar: „Als Enron nach etlichen Strafverfahren in sich zusammengebrochen war, tauchten Tausende E-Mails auf, die eine Innenansicht in das Management des Konzerns erlaubten. Viele kleine Entscheidungen stützten ungeheuerliche Rechtsbrüche“, so Assange. Ganz ähnlich werde es auch in diesem Fall sein. „Sie können es ein Ökosystem der Korruption nennen.“

Wikileaks Logo, © Wikileaks
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Nun ist der „Prophet eines Zeitalters unfreiwilliger Transparenz“ (Forbes) vorerst weggesperrt. Zeit zum Aufatmen für jene US-Bank und alle anderen Konzerne, die womöglich ins Schussfeld der Aufdecker geraten sind?

Wohl kaum.

Bald wird mit openleaks.org von ehemaligen Weggefährten Assanges eine Spinoff-Plattform ins Netz gestellt, die sich laut „Die Presse“ auf lokale und regionale Missstände konzentrieren will. Auch die erfolgreichen Hacker-Attacken auf PayPal (mehr dazu hier) zeigen, dass ein dezentral organisiertes Netz technikaffiner Aktivisten nicht dadurch zu zerschlagen ist, indem man es „enthauptet“ (mit welchen legitimen oder vorgeschobenen Begründungen auch immer). WikiLeaks lässt sich – so schnell – nicht abschalten.

Wie das zu bewerten ist, scheint relativ klar: Die internationale Presse feiert Assange und seine Anhänger ziemlich einhellig als Avantgarde einer neuen Ära des investigativen Journalismus und der allumfassenden Demokratie. Bezogen auf die Wirtschaft formuliert Assange seine Erwartungen so, wie es ein Compliance Officer wohl nicht besser könnte: WikiLeaks bedeute, dass es einfacher sein werde, „gute“ Geschäfte zu machen und schwieriger, „schlechte“ Geschäfte. „Es gibt eine Drohung von Regulierung, die zu Selbst-Regulierung führt.“ CEOs sollten sich durch diese Tatsache ermutigt fühlen, meint der Australier.

Das Damokles-Schwert des immer möglichen Daten-Striptease als Anreiz zu vorbildlicher Corporate Governance!

Bestens!

Nicht jeder sieht das so. Nicht einmal jeder Journalist. Armin Turnher, Herausgeber der Wiener Stadtzeitung Falter, folgt den technoiden Heilserwartungen der „Meerschweinchen“ – so seine Titulierung für den Typus des stets zur Hysterie neigenden Web-Nerds – nicht. Das Bindeglied zwischen vertraulichen Daten und Öffentlichkeit müsse immer noch der bewertende, sortierende, fachkundig erklärende Journalismus bleiben. Die bloße technische Möglichkeit, eine Flut geheimer Daten zu publizieren, führe nicht automatisch zu mehr Demokratie. Vor allem dann nicht - wäre zu ergänzen - wenn sie in die falschen Hände gerät und als Erpressungsmittel verwendet wird.

Denn faktisch ist es so: Vertraulichkeiten aus dem Innenleben beispielsweise einer Bank mögen einer breiten Öffentlichkeit vielleicht entlarvend oder obszön vorkommen – wie einige der Depeschen aus dem US-Außenministerium – und dabei weit entfernt von jeder strafrechtlichen Relevanz sein (oder auch nicht). Die Veröffentlichung solcher Interna würde in jedem Fall schon Schaden anrichten und birgt damit erpresserisches Potential in sich und natürlich enorme Compliance-Risiken. Nicht nur die schwarzen Schafe einer jeden Branche können somit zum Handkuss kommen. Kollateralschäden sind jederzeit möglich.

Julian Assange muss sich also die Frage gefallen lassen, ob Daten - wenn sie denn wirklich geeignet sind, Rechtsbrüche zu belegen - nicht besser an die Staatsanwaltschaft weitergespielt anstatt einer immer skandalisierungsbereiten Öffentlichkeit zum Fraß vorgeworfen werden sollten.

Die Wirtschaft ihrerseits wird sich auf die neuen Zeiten einstellen müssen. Vorsorglich hat Forbes sich auch schon einige Gedanken darüber gemacht, wie Unternehmen drohende „Enthüllungskrisen“ - die nun ja ohne Zweifel vermehrt zu erwarten sind - vermeiden können.

Autoren

Mag. Klaus Putzer

Mag. Klaus Putzer ist herausgebender Chefredakteur von „Compliance Praxis“ – Magazin und Portal. Zuvor war er in mehreren Verlagen als leitender Redakteur im Magazinbereich beschäftigt bzw. als fre...