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Wenn die Compliance-Feuerwehr ausrückt

Einblicke in die Vorstandszimmer österreichischer Firmen gab ein Fraud-Spezialist vor kurzem in Wien. Spitzenmanager gehen demnach bei Rechtsbrüchen im Unternehmen nicht selten wie die Feuerwehr zur Sache: Wenn es brennt, wird ausgerückt.
Von Mag. Klaus Putzer
21. Juni 2011

Manch Top-Manager spricht Compliance wie einen französischen Barocktanz – „Compliánce“ – aus, erzählte Martin Schwarzbartl von Ernst & Young jüngst auf einer Veranstaltung im Wiener Rathaus (Näheres dazu am Ende des Artikels).

Das Konzept vorausschauender Compliance mit den Schwerpunkten Prävention und Früherkennung scheint noch weitgehend unterbelichtet. Die „Reaktion“ auf Betrügereien, Korruption oder andere Malversationen im Unternehmen stellt allerdings die weitaus kostspieligste Art dar, mit Rechtsrisiken umzugehen.

Wirtschaftsprüfer, Anwälte und PR-Troubleshooter freuen sich deshalb naturgemäß über Unternehmen, die über kein präventives Compliance-Management verfügen, denn langwieriges Herumstochern in der Vergangenheit, monatelange Wirtschaftsprozesse und aufwändige Image-Kampagnen haben natürlich ihren Preis (ganz zu schweigen von den Einbußen, die in schweren Reputationskrisen durch das Abspringen von Geschäftspartnern und Kunden hinzunehmen sind).

Abwarten und Teetrinken

Die weit verbreitete Abwarten-und-Teetrinken-Haltung in heimischen Vorstandsbüros erklärt sich vielleicht aus einer speziell österreichischen Selbstwahrnehmung. Schwarzbartl zitierte dazu eine EY-Studie: Verglichen mit dem europäischen Durchschnitt glaubt ein signifikant geringerer Anteil der Befragten in Österreich, dass Bestechungs- und Korruptionspraktiken im eigenen Land weit verbreitet seien. Während im europäischen Durchschnitt 62 Prozent diese Aussage bejahen, sind es in Österreich nur 34 Prozent.

Warum das so ist, bleibt – vor dem Hintergrund einschlägiger, medial breit ausgewalzter Großprozesse – schleierhaft. (Vielleicht werden korrupte Verhaltensweisen schon gar nicht mehr als solche wahrgenommen, weil sie Teil der Kultur sind, wie der Experte mutmaßte?). Fakt ist jedenfalls, dass systematisches Compliance-Management in nicht wenigen Chefetagen immer noch als lästige Fleißaufgabe wahrgenommen wird.

Compliance aus dem Supermarkt

Freilich nur so lange, bis „etwas passiert“. Nach dem bösen Erwachen (horrende Bußgelder für Kartellabsprachen oder systematische Korruption im Vertrieb, katastrophale Datenschutzpannen, Insidertrading von Vorständen…) dekretieren betroffene Firmen meist reflexartig die Implementierung einer „starken Compliance“.

Alibi-Aktionen nützen allerdings wenig, warnt Schwarzbartl. Ethische und Verhaltens-Prinzipien haben von der Unternehmensführung auszugehen und müssen von ihr selbst glaubwürdig vorgelebt werden. Im Supermarkt gibt es Compliance nicht zu kaufen.

Schwarzbartl rät, bei der Entwicklung eines ernstzunehmenden Code of Conduct die gesamte Belegschaft einzubinden und veranschlagt für das Projekt ein halbes bis ein ganzes Jahr. Den Mitarbeitern „aufs Auge gedrückte“, hohl klingende Ethik-Floskeln seien das Papier nicht wert, auf dem sie gedruckt sind.

Worst-Practice-Beispiel mit Orgie

Was ohne vernünftige Compliance-Standards „from the top“ passieren kann, zeigt ein plakatives Beispiel, zur Abwechslung einmal aus Deutschland. Sie erinnern sich vielleicht an die „Budapester Sex-Orgie“, die Vertriebsmitarbeiter einer deutschen Versicherung auf Firmenkosten gefeiert haben sollen?

War der am 19. Mai publik gewordene Lust-Ausflug für das Image der ERGO-Versicherung (und die gesamte Branche) schon desaströs genug, hat die hellhörig gewordene Presse zwischenzeitlich weitere Unregelmäßigkeiten ans Tageslicht befördert: ERGO soll massenhaft Renten-Verträge falsch berechnet haben.

Interessant dabei: Wie das Amen im Gebet wurde am 8. Juni verlautbart, dass der Aufsichtsrat der Versicherung „härtere Compliance-Richtlinien“ erlassen habe.

„Katastrophale Fehlentscheidung“

Am 20. Juni wandte sich ERGO-Chef Thorsten Oletzky mit einem Brief an seine Belegschaft, der das ganze Dilemma eines vernachlässigten Compliance-Managements illustriert.

Zu den Fehlberechnungen der Renten schreibt Oletzky: "Problematisch fand ich, dass wir diesen Fehler in der Aufklärung nicht selbst rechtzeitig gefunden haben, obwohl es hierzu offensichtlich bereits im Jahr 2005 einen Hinweis an den zuständigen Fachbereich gab."

Und zu Budapest: "Die Entscheidung für diese Reise war eine katastrophale Fehlentscheidung der damals für den HMI-Strukturvertrieb Verantwortlichen."

Womöglich wird andersherum ein Schuh daraus: Hätte ERGO eine funktionierende Compliance betrieben, wäre dem Hinweis aus dem Fachbereich wahrscheinlich nachgegangen worden; hätte die Gesellschaft einen ernstzunehmenden Code of Conduct entwickelt und fest in allen Unternehmensbereichen verankert, wären „die Verantwortlichen“ wohl gar nicht erst auf die Idee mit der „Sex-Orgie“ gekommen...

Veranstaltung "Korruptionsprävention im öffentlichen und privaten Bereich"

Am 6. Juni referierten Dr. Paul Jauernig (Leiter der Internen Revision der Wiener Magistratsdirektion) und Mag. Martin Schwarzbartl (GF der Ernst & Young Fraud Investigation and Dispute Services) vor einem voll besetzten Saal im Wiener Rathaus zum Thema Korruptionsprävention in ihren Bereichen.

Die Stadt Wien hat nach allgemeinem Dafürhalten ein vorbildliches Antikorruptionsprogramm für seine Verwaltung entwickelt, das auch als beispielgebend für private Unternehmen gilt. Mag. Schwarzbartl war vor seinem Wechsel in die Privatwirtschaft unter anderem im Finanzministerium mit dem Aufbau von Compliance-Strukturen betraut.

Die Veranstaltung wurde von Transparency International/ Austrian Chapter und Stadt Wien organisiert.

Materialien zu den beiden Vorträgen finden Sie hier:

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Autoren

Mag. Klaus Putzer

Mag. Klaus Putzer ist herausgebender Chefredakteur von „Compliance Praxis“ – Magazin und Portal. Zuvor war er in mehreren Verlagen als leitender Redakteur im Magazinbereich beschäftigt bzw. als fre...