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Serie Mitarbeiter-Compliance: Mitarbeiter mit Migrationshintergrund

Compliance ist ein Thema für alle Mitarbeiter. Wie erreichen Compliance-Verantwortliche Beschäftigte mit Migrationshintergrund? Und wie können Besonderheiten dieser Mitarbeitergruppe gewürdigt werden?

Sprachkenntnisse, die Integration in die Gesellschaft und die Übernahme der Werte des Einwanderungslandes sind je nach Hintergrund von Migranten unterschiedlich stark ausgeprägt. Dabei wird die Beherrschung der deutschen Sprache bei Schulungen und Trainings vorausgesetzt. Wer die deutsche Sprache aber nicht in ausreichendem Umfang beherrscht, den erreichen Schulungsmaßnahmen kaum.

Sozialisation beachten

Auch Unterschiede in der Sozialisation sind zu beachten. So ist Korruption in Österreich kein beherrschendes Thema. Sowohl Gesetze, als auch unternehmensinterne Vorgaben einzuhalten entspricht dem gängigen Rechtsverständnis der Mehrheitsbevölkerung. Dabei ist eine wortgetreue Umsetzung der Vorgaben die Regel, „flexible“ Auslegungen sind eher unüblich. Viele Migranten kommen allerdings aus einem anderen Umfeld: die alltägliche Korruption im Heimaltland erfordert „flexibles“ Verhalten. Werte und Überzeugungen stimmen nicht immer mit dem österreichischen Verständnis überein.

Die Compliance-Organisation sollte vor diesem Hintergrund eine Bestandsaufnahme vornehmen und beurteilen, ob und wo bei Mitarbeitern mit Migrationshintergrund zusätzlicher Schulungs- bzw. Handlungsbedarf besteht.

Loyalität gewinnen

Mitarbeiter mit Migrationshintergrund fühlen sich – nicht immer zu Unrecht – wenig respektvoll behandelt und erleben alltägliche Diskriminierungen. Deshalb ist ein betont respektvoller Umgang die Basis des Zugangs. Dabei erstreckt sich der Respekt nicht alleine auf die Person, sondern auch auf das Herkunftsland. Die Integration in das Compliance-Verständnis gelingt mit Empathie. Die Anerkennung der Arbeitsleistung und die Wertschätzung der Person stellen die beste Motivation dar. Die Identifikation mit dem Unternehmen ist dabei eine zentrale Vorrausetzung, dass sich der jeweilige Mitarbeiter den Regeln und Verhaltenskodizes anpasst. Ist er für das Unternehmen „gewonnen“, zeichnet er sich dann meistens durch außerordentliche Loyalität aus.

Senioritätsprinzip achten

Das Senioritätsprinzip spielt in vielen Migrationsgruppen eine zentrale Rolle. Respekt gegenüber dem Alter ist eine gelebte Handlungsweise. Aus diesem Grund eignen sich seitens Compliance erfahrene Mitarbeiter als Ansprechpartner. Ein konservatives Verhalten wirkt oft glaubwürdiger als der jugendlich-dynamische Auftritt. Einem festen Ansprechpartner ist der Vorzug vor wechselnden Personen zu geben, ist es für die Compliance doch wichtig, „Gesicht“ zu zeigen.

Viele Einwanderer kennen andere Grundwerte aus ihrem Lebensumfeld. Diese Unterschiede sind durch die Meinungsfreiheit geschützt und zu respektieren. Dabei gibt es allerdings Grenzen zu beachten. Hass, Verunglimpfung, Verachtung für oder die Herabsetzung von Frauen oder Homosexuellen, Verstöße gegen das Verbotsgesetz oder antisemitische Äußerungen können nicht toleriert werden. Denn der Rechtstaat Österreich und die Rechtsstaatlichkeit der Unternehmensführung sind wichtige Güter.

Klare Ansagen machen

Migranten haben oft ein ausgeprägtes Gefühl für Benachteiligungen. Deshalb sollten Unternehmensregeln so klar wie möglich formuliert werden und keinen Platz für Interpretationsspielräume lassen. Merken die Betroffen, dass seitens Compliance auf Missstände rasch reagiert und Unklarheiten sorgfältig erklärt werden, nehmen Vertrauen und Respekt zu.

Kommt es zu Befragungen, sind präzise, klare Aussagen wichtig. Dabei steht an erster Stelle die Information, ob es sich um persönliche Vorwürfe oder Informationen zu anderen Sachverhalten handelt. Bei aller Konsequenz gilt es, Auswege aufzuzeigen, Loyalität einzufordern und einzubringen. An die Ehre appellieren mag antiquiert klingen, ist aber ein durchaus probates Mittel, Aussagen zu erhalten.

Oft sind Familienangehörige im Unternehmen tätig. Ist zum Beispiel ein Elternteil ebenfalls im Unternehmen beschäftigt, kann dessen Einbeziehung in die Befragung erwogen werden. Wird ein Fehlverhalten festgestellt, ist eine rasche Reaktion geboten. Betroffene erfahren so den unmittelbaren Zusammenhang von Handlungen und den daraus erwachsenden Konsequenzen.

Einen Sonderfall stellen junge Männer dar, die in ihren Familien mehr Autorität genießen als im Unternehmen, sodass Selbst- und Fremdwahrnehmung auseinanderklaffen. Hier sind schon kleine Abweichungen vom Sollverhalten sofort anzusprechen und zu korrigieren. Großzügigkeit und Verständnis werden nicht selten als Zeichen von Schwäche fehlinterpretiert.

Respektvoller Umgang besteht aus Geben und Nehmen.

Buch „Mitarbeiter-Compliance“

Cover: Mitarbeiter-Compliance, © ESV
Cover: Mitarbeiter-Compliance
Wie und warum alle Mitarbeiter von Compliance erreicht werden sollen, erläutert ausführlich das Buch „Mitarbeiter-Compliance“ von Thomas Schneider und Maike Becker, das im April 2015 im Erich Schmidt Verlag, Berlin erschienen ist.

Autoren

Dipl.-Kfm. Thomas Schneider

Dipl.-Kfm. Thomas Schneider verantwortete von 2013 bis 2019 Interne Revision und Corporate Compliance eines mittelständischen Stahlgroßhandels. Zuvor war er in der Internen Revision eines Herstelle...