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Jaakob und Laban – Ein biblischer Compliance-Fall?

Compliance ist eine junge Disziplin. Dabei gab es schon in weit zurückliegenden Zeiten natürlich Situationen, die man heute „compliancerelevant“ nennen würde. So erscheinen die Motive und Handlungen der biblischen Geschichte von Jakob und Laban ziemlich aktuell.
Von Dipl.-Kfm. Thomas Schneider
10. September 2015

Im 18. Jahrhundert v. Chr. lebte der biblische Patriarch Jakob, dessen Geschichte im Buch Genesis der Bibel erzählt wird. Thomas Mann greift die Erzählung in seinem 1933 erschienenen Buch „Die Geschichten Jaakobs“ auf, dem ersten Teil seiner Roman-Tetralogie „Jakob und seine Brüder“. Im fünften Hauptstück schildert der Autor, wie Jakob als mittelloser Flüchtling aus Kanaan zu seinem Onkel Laban flüchtet. Die beiden treffen die Abmachung, dass Jakob ihm sieben Jahre dienen soll. Anschließend darf er Labans Tochter Rahel heiraten und wieder nach Kanaan zurückkehren. Von einer Bezahlung ist dabei nicht die Rede. Jakob will aber nicht mittellos heimkehren, auch er möchte einen gerechten Anteil seiner wirtschaftlichen Erfolge abbekommen.

Auf den Seiten 198 bis 203 der Gesamtausgabe „Joseph und seine Brüder“ (erschienen 2007 im S. Fischer Verlag, Frankfurt/Main) finden sich die konkreten Ausführungen. Jaakob erweist sich als tüchtig und erfolgreich in seinem Handeln, was auch Laban nicht entgeht.

„Er vertraute des Neffen glücklicher Hand, und mit Recht; denn immer noch fuhr er besser dabei und gewann schönere Ware, als wenn er, der Finstere, Segenlose, selber eingehandelt hätte, obgleich auch Jaakob dabei zu seinem Vorteil kam und schon damals anfing, die freilich noch dünne Grundlage seines späteren Wohlstandes zu legen.“

Das System hat sich offensichtlich nicht verändert in der Zeit seit Jaakob.

„… daß er, ob es sich nun um Erwerbungen durch bare Zahlung oder um häufige Tauschgeschäfte handelte, immer einen geringeren oder größeren Gewinn auf eigene Rechnung beiseite brachte.“

Doch hat Laban dieses Verhalten bemerkt? Wie ging er damit um?

„Dieser wußte im allgemeinen, wie Jaakob es hielt, und drückte im einzelnen, wenn dies Verhalten klar zutage lag, buchstäblich mit hängendem Mundwinkel ein Auge zu. Denn der Mann sah, daß er fast immer noch günstiger zu dem Seinen kam, als er auf eigene plumpe Faust dazu gekommen wäre, und Grund, sich vor Jaakob zu fürchten und ihm durch die Finger zu sehen, hatte er auch. Denn dieser war leicht beleidigt und wollte zart angefaßt sein, in Schonung seiner gesegneten Art. Er sprach es ganz offen aus und verwarnte den Laban ein für allemal in dieser Beziehung: ‚Wenn du mit mir schmälen und rechnen willst‘, sagte er, ‚mein Herr, um jeder Kleinigkeit willen, die für mich abfällt beim Handeln in deinem Dienste, und willst scheel blicken, wenn einmal nicht du alleine alle Vorteil hast von deines Knechtes Gewitztheit, dann verstimmst du mir das Herz in der Brust und den Segen im Leibe und machst, daß mir deine Angelegenheiten nicht gedeihen unter den Händen.“

Später wird Jaakob nochmal deutlicher:

„Wenn du willst, daß mein Segen dir fromme und ich dir diene mit Lust und Verschmitztheit, so muß eine Belohnung mir winken und ein Anreiz mich stacheln, sonst ist meine Seele schlaff und lahm, und mein Segen tritt nicht in deine Dienste.“

Labans Reaktion darauf:

„‚Behalte die Lämmer‘, sprach Laban. (…) Denn er wollte natürlich nicht, daß dessen Seele schlaff und lahm sei, und mußte ihn hätscheln.’“

Was aus dieser alten Geschichte für die heutige Compliance zu lernen ist? Das soll der Leser selbst entscheiden. Eines ist jedoch klar: bei Compliance handelt es sich nicht um ein neumodisches Thema, vielmehr sind die damit verbundenen Fragen und Herausforderungen – fast – so alt wie die Menschheitsgeschichte.

Autoren

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Dipl.-Kfm. Thomas Schneider

Dipl.-Kfm. Thomas Schneider verantwortete von 2013 bis 2019 Interne Revision und Corporate Compliance eines mittelständischen Stahlgroßhandels. Zuvor war er in der Internen Revision eines Herstelle...