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Der Barry-Manilow-Effekt

Kein Compliance Officer kann neue, innovative Wege beschreiten und damit immer erfolgreich sein. Vieles wird gelingen, aber auch einiges schiefgehen. Wichtig ist, Niederlagen nicht zu schwer zu nehmen. Ein Experiment zeigt, warum Fehlschläge bei Kollegen weniger Eindruck hinterlassen, als man denkt.

Wenn ein Angebot des Compliance Officers an die betrieblichen Stellen auf wenig Resonanz trifft, ein Scherz in der Schulung nicht zündet, ein innovativer Prüfungsansatz zu keinen sinnvollen Ergebnissen führt, gibt es Trost: der Fehlschlag bleibt den Kollegen meist weit weniger lang im (kollektiven) Gedächtnis, als gemeinhin angenommen wird.

Woher der Autor das weiß? Von Barry Manilow bzw. einem nach ihm benannten Experiment.1 Wer einen Eindruck des Sängers gewinnen möchte, mag auf YouTube nachsehen. Zum Zeitpunkt der Texterstellung hat sein größter Hit „Mandy“ 4,4 Millionen Aufrufe. Zu seinen besten Zeiten war Manilow allerdings bei amerikanischen College-Studenten ungefähr so populär wie bei deutschsprachigen Studenten heutzutage vielleicht die „Flippers“, deren Hit „Die rote Sonne von Barbados“ mit 4,1 Millionen Aufrufen Barry Manilow nahekommt. Der Leser mag sich das letztgenannte Video ansehen und/oder einem ihm bekannten Studenten vorspielen, um den Effekt zu erfahren. Vielleicht kennt und schätzt der Leser Barry Manilow und/oder Die Flippers, würde damit in der Altersgruppe der Studenten aber zu einer exklusiven Minderheit zählen.

Nun zum Versuch: Die teilnehmenden Studenten sollten im Rahmen des Experimentes ein T-Shirt anziehen. Der Leser ahnt, wer darauf abgebildet war: Barry Manilow. Anschließend wurden sie in einen Raum geführt, in dem die anderen Teilnehmer bereits warteten, von denen selbstverständlich keiner ein entsprechendes T-Shirt trug. Die Versuchsleiterin erklärt daraufhin dem Probanden, dass er zu spät sei, aber trotzdem teilnehmen dürfe. Gerade als er sich hinsetzen will, ändert sie ihre Meinung, bittet ihn, den Raum zu verlassen und auf eine spätere Gelegenheit zu warten, worauf der Teilnehmer erneut im Mittelpunkt steht und wieder an allen anderen Teilnehmern vorbeiläuft.

Die anschließende Frage war der Kern des Experimentes: Der Proband sollte abschätzen, wie vielen im Raum das Motiv seines T-Shirts aufgefallen sei. Im Experiment schätzten die Teilnehmer, dass dies 50 Prozent aufgefallen sei. Die tatsächliche Quote lag bei 23 Prozent.

Die Lehre aus dem Experiment ist einfach: So dramatisch, wie viele denken, sind ihre Fehlschläge nicht. Das gilt auch für Compliance Officer. Entsprechend sollte die Sorge davor, negativ aufzufallen, niemanden davon abhalten, innovative, kreative Wege zu beschreiten.

Buchtipp: „Wirkungsvolle Compliance“

Cover: Wirkungsvolle Compliance, © SpringerGabler
Cover: Wirkungsvolle Compliance

Thomas Schneider

Wirkungsvolle Compliance: Mit praxiserprobten Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung

Verlag Springer Berlin Heidelberg, 2018

ISBN: 978-3662559406

214 Seiten

35,97 EUR

Fußnoten

  1. Gilvich, T. et. al.: The spotlight effect in social judgement, in: Journal of Personality and Social Pychology, 76, S. 743 – 753,1999   ^

Autoren

Dipl.-Kfm. Thomas Schneider

Dipl.-Kfm. Thomas Schneider verantwortete von 2013 bis 2019 Interne Revision und Corporate Compliance eines mittelständischen Stahlgroßhandels. Zuvor war er in der Internen Revision eines Herstelle...