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9. Compliance Netzwerktreffen: Wie handeln in der Compliance-Krise?

Eine Premiere gab’s beim 9. Compliance Netzwerkevent: Zum ersten Mal traf sich die Compliance-Community nicht in Wien, sondern in einem Bundesland. Gastgeber voestalpine hatte nach Linz geladen. Thema des Abends: Krisenmanagement und Krisenkommunikation anhand konkreter Fälle.
Von Redaktion
24. April 2013 / Erschienen in Compliance Praxis 2/2013, S. 44

Dass erstmalig ein Compliance Netzwerktreffen außerhalb der Bundeshauptstadt Station machte, freute die über 100 Teilnehmer des Abends, war doch ein Großteil aus Linz bzw. dem Linzer Umland angereist.

Den perfekten Rahmen für den Event stellte Gastgeber voestalpine zur Verfügung. Im Vorfeld hatten Teilnehmer der Veranstaltung die Möglichkeit, an einer Rundfahrt über das Werksareal teilzunehmen. Auf dem Gelände sind an den drei aktiven Hochöfen, in den Presswerken, den Stahl-Veredelungsbetrieben und den vielen anderen Bereichen rund 10.000 Mitarbeiter beschäftigt. Eine Stadt in der Stadt, mit eigener Werksfeuerwehr, eigenem Catering und eigener Krankenstation.

V.l.n.r.: Dr. Armin Toifl, Dr. Wolfgang Eder, Mag. Robert Kastil., © voestalpine
V.l.n.r.: Dr. Armin Toifl, Dr. Wolfgang Eder, Mag. Robert Kastil.
Das Podium des Abends war mit voestalpine-Generaldirektor Dr. Wolfgang Eder und Mag. Robert Kastil, CFO des Leondinger Feuerwehrtechnikers Rosenbauer, hochkarätig besetzt. Die beiden Vorstände berichteten zunächst aus erster Hand über die jüngsten Kartellfälle in Ihren Unternehmen und über die aus diesen Krisen gezogenen Konsequenzen für den Aufbau der jeweiligen Compliance-Organisation. Im Anschluss stellten sich die Manager den Fragen von Dr. Armin Toifl, General Counsel Siemens Österreich, und des Publikums. Von Dr. Toifl, Mitherausgeber der Compliance Praxis, war auch die Idee für die Veranstaltung in Linz gekommen, hatte er doch seine Karriere Anfang der 1980er Jahre bei der Voest als erster Mitarbeiter Wolfgang Eders in der damals neu gegründeten M&A-Abteilung gestartet.

Die Compliance-Fälle bei voestalpine und Rosenbauer sind allgemein bekannt: Der Linzer Stahlkonzern hatte sich über Tochterfirmen an einem Kartell am deutschen Schienenmarkt beteiligt, Stichwort „Schienenfreunde“. Über die Hintergründe hat Generaldirektor Eder bereits mit Compliance Praxis in einem ausführlichen Interview (Die Lehren aus der (Kartell-)Krise - frei für Premium-Mitglieder) gesprochen. Neben einem Ausbau der Compliance-Abteilung, verstärkten Schulungen und dem Einrichten einer Whistleblower-Hotline plant die voestalpine auch eine ungewöhnliche Maßnahme: Neu eintretende Mitarbeiter in Schlüsselpositionen sollen künftig einem Compliance-Screening unterzogen werden.

Rosenbauer International hatte sich zwischen 1989 und 2007, ebenfalls am deutschen Markt, an einem so genannten „Quotenkartell“, mit dem Marktanteile abgesprochen werden sollten, beteiligt. Dass die Absprachen nicht funktionierten, hielt das Bundeskartellamt nicht von der Verhängung hoher Bußgelder ab. In einem weiteren Kartellfall im Bereich Drehleitern blieb Rosenbauer als Kronzeuge von Strafen verschont.

Trotzdem, so Kastil: „Die Eingriffe der Behörde können sehr massiv sein.“ Teilweise seien für das Tagesgeschäft notwendige Unterlagen konfisziert worden. Man sei auf die unangekündigten Hausdurchsuchungen nicht richtig vorbereitet gewesen. Ein Mitbewerber hatte nach der Verhängung der Kartellstrafe sogar Insolvenz anmelden müssen.

Eine zentrale Erkenntnis für Kastil: „Wir lernen noch. Unsere Compliance-Organisation ist weit entfernt davon, perfekt zu sein. Besonders bei der Dokumentation haben wir noch zuzulegen. Ohne die Compliance-Aktivitäten wären wir am deutschen Markt jedoch nicht mehr handlungsfähig.“

In der an die Keynote Speeches folgenden Fragerunde waren sich die Vorstände in einem Punkt einig: Im Krisenfall ist eine offensive Kommunikation unabdingbar. „Man darf Stakeholdern nicht das Gefühl geben, dass Sie einen bei etwas ertappt haben“, sagte Wolfgang Eder. Robert Kastil berichtete, dass er sofort nach Öffentlich-Werden der Kartellfälle die drei wichtigsten Investoren sowie Bankenvertreter angerufen habe, um aus erster Hand zu informieren. Bei den Roadshows habe es „Fragen ohne Ende“ gegeben.

Während die Börsen kaum auf die Affären reagierten, waren die größten Schockwellen innerhalb der Unternehmen selbst zu spüren. In einer solchen Situation sei es nicht schwierig, Mitarbeiter von der Notwendigkeit neuer Compliance-Maßnahmen zu überzeugen, schloss Dr. Eder. Bei Rosenbauer habe es sich ähnlich verhalten, resümierte Mag. Kastil. Einzig die „alten Hasen“ im Vertrieb seien nicht ganz leicht von den neuen Dokumentationsvorschriften zu überzeugen gewesen.

Insgesamt bot der Abend seltene Einblicke in den Umgang zweier großer, international tätiger österreichischer Unternehmen mit akuten Compliance-Krisen. Deren Krisenmanagement kann anderen Unternehmen in ähnlichen Situationen durchaus als Best Practice dienen.

Am dem offiziellen Teil folgenden Netzwerktreffen nahmen unter anderem teil:

Mag. Robert Kastil, CFO Rosenbauer International AG; Dr. Christian Kaufmann, Group Compliance Officer voestalpine AG; Dr. Wolfgang Stroh, Compliance Manager Rosenbauer International AG; Dr. Armin Toifl, General Counsel Siemens Österreich; Alois Kriechbaumer, Group Compliance Officer Lenzing AG; Mag. Gerald Hackl, Vorstandsvorsitzender VIVATIS Holding AG; Dr. Leo Hemetsberger, Philosophische Praxis; LexisNexis-Verlagsleiterin Dr. Gerit Kandutsch; Peter Thomas, digital Spirit; Christoph Vogelmayr, SER Solutions. Anwesend waren auch etliche Vertreter von Linzer Rechtsanwaltskanzleien sowie Berater von PWC, KPMG und E&Y.

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