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„Transparenz ist das Gebot der Stunde!“

Der Wiener Gesundheits­verbund hat das Vorstands­ressort Recht kürzlich in „Recht & Compliance“ ­umbenannt. Die General­direktorin des größten ­Gesundheitsunternehmens Österreichs, ­Evelyn ­Kölldorfer-Leitgeb, über ­hierarchische Strukturen im Klinikumfeld, die neue ­Hinweisgeberplattform des Verbunds und die Heraus­forderung Corona.
Von Mag. Klaus Putzer
25. Februar 2021 / Erschienen in Compliance Praxis 1/2021

Zur Person

Evelyn Kölldorfer-Leitgeb, © Wiener Gesundheitverbund/Felicitas Matern
Evelyn Kölldorfer-Leitgeb

Mag.a Evelyn Kölldorfer-Leitgeb ist seit November 2017 Generaldirektorin des Wiener Gesundheitsverbundes. Davor war sie im Vorstandsressort Unternehmensorganisation als Leiterin für die Organisationsentwicklung des Unternehmens zuständig. Nach ihrer Ausbildung zur Diplomierten Gesundheits- und Krankenpflegerin und einigen Jahren Tätigkeit in der Pflege, zuletzt als Pflegedirektorin in der Klinik Favoriten, absolvierte Mag.a Kölldorfer-Leitgeb ein Studium der Gesundheitswissenschaften. Ihre langjährige und breit gefächerte Berufserfahrung im Management des Spitalswesens wird ergänzt durch zahlreiche Weiterbildungen und Lehrtätigkeiten insbesondere in den Bereichen Organisationsentwicklung und Prozessmanagement.


Compliance Praxis: Der Wiener Gesundheitsverbund (WIGEV) hat im September letzten Jahres eine digitale Hinweisgeberplattform gelauncht. Warum?

Evelyn Kölldorfer-Leitgeb: Wir sind das größte Gesundheitsunternehmen Österreichs, sind dem Dienst an der Allgemeinheit verpflichtet, stehen also permanent im öffentlichen Blickfeld. Von unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern wird im Berufsalltag ein rechtmäßiges Verhalten erwartet – mehr noch, als von der Belegschaft anderer, zum Beispiel privatwirtschaftlicher Betriebe.

Gleichzeitig sind Klinken und Gesundheitseinrichtungen in Österreich aufgrund ihrer Geschichte stark hierarchisch geprägt. Das heißt, dass von weniger prestigeträchtigen Berufsgruppen nicht erwartet werden kann, höher Gestellte auf Compliance-Verstöße – welcher Art diese auch sein mögen – aufmerksam zu machen. Repressalien und Sanktionen werden befürchtet. Aus diesem Grund war es für unsere Plattform oberste Priorität, eine anonyme, vertrauliche Möglichkeit zur Meldung bereitzustellen, die nicht rückverfolgt werden kann.

Welche Kommunikationsmaßnahmen haben den Start der Plattform begleitet?

Die Kommunikationsmaßnahmen hatten vor allem einen Schwerpunkt nach innen. Es geht nun ja nicht um die Selbstbeweihräucherung. Dass die Neuigkeit aber auch von verschiedensten Medien aufgegriffen und so positiv wahrgenommen wurde, war auch intern spürbar. Sie wird bis dato gut genutzt.

Auf unserer Compliance-Plattform im Internet gibt es ein Erklärvideo, verschiedene redaktionelle Beiträge und auch einen FAQ-Bereich, der sich den häufigsten Fragen unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter widmet. Diese sind vornehmlich aus dem Bereich Datenschutz und Anonymität. Uns war es wichtig zu vermitteln, dass die Nutzung einfach zu handhaben ist und von allen Beschäftigten durchführbar ist.

Die eingelangten Hinweise werden vom Compliance-Team des WIGEV bearbeitet. Wie setzt sich dieses zusammen, wo ist „Compliance“ organisatorisch angesiedelt?

Bei der Neuorganisation des Wiener Gesundheitsverbundes wurde das Vorstandsressort umbenannt, es heißt nun „Recht & Compliance“. Das dient schon der Bewusstseinsschärfung und auch der Darstellung der Priorität nach außen. Im Wiener Gesundheitsverbund ist Compliance nicht „die Kirsche auf der Torte“, sondern eine Grundhaltung. Sie ist die Basis für verantwortungsvolles Verhalten im Berufsalltag unserer mehr als 30.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

In den Kliniken selbst ist Compliance in der kollegialen Führung verantwortet. Das macht Sinn: Die Führungskräfte haben eine Vorbildfunktion. Leider auch in negativer Hinsicht: Wird bei einer Führungsperson ein Verstoß gegen die Regeln beobachtet, lässt die Compliance-Bereitschaft nach. Dabei spielt es keine Rolle, ob es ein tatsächlicher Verstoß war, oder dieser nur als solcher wahrgenommen wird. Transparenz ist hier das Gebot der Stunde!

Die Bestechungs-Risiken im Gesundheitsbereich sind vielfältig, von Vorreihungen bei Behandlungen, Vorteilsgewährung durch Arzneimittelhersteller für die Verschreibung bestimmter Arzneien oder Kickbacks bei (Groß-)Aufträgen. Was sind die wichtigsten Antikorruptionsmaßnahmen, die im WIGEV getroffen werden?

Zentral ist unser Verhaltenskodex, unter dem Motto „Gemeinsam machen WIR es richtig“. Er basiert auf den sechs Verhaltensgrundsätzen: Rechtmäßigkeit, Verantwortung, Objektivität, Transparenz, Verschwiegenheit und Integrität.

Was diese Grundsätze beinhalten, wird anhand von Fallbeispielen anschaulich dargestellt. Unser Unternehmen hat über 30.000 Beschäftigte mit völlig unterschiedlichen beruflichen, kulturellen und edukativen Hintergründen. Deswegen war der Anspruch an den Verhaltenskodex, möglichst niedrigschwellig ein Bewusstsein für richtiges Verhalten zu fördern. Die Fallbeispiele sind möglichst nah an der Realität unserer Mitarbeiter und dienen nicht dazu, den erhobenen Finger zu zeigen, sondern, um Orientierung zu bieten und dazu zu ermuntern, miteinander zu diskutieren und gemeinsam eine Compliance-Kultur zu entwickeln.

Maßnahmen gegen die Corona-Pandemie verlangen der gesamten Gesellschaft „Compliance“ ab, also die Einhaltung von Regeln. Von besonders strikten Vorgaben sind Ärzte, Pflegepersonal und Patienten betroffen. Registrieren Sie nach einem Jahr Pandemie eine gewisse „Corona-Müdigkeit“ in der Belegschaft des WIGEV? Wie lässt Sie dieser entgegenwirken?

Unsere Belegschaft ist die Einhaltung von strengen Hygienemaßnahmen zur Sicherheit und zum Schutz der Patienten gewohnt – es erwächst also hieraus keine Müdigkeit, wie das womöglich bei der Bevölkerung sein kann. Was jedoch betont werden muss: Seit einem Jahr arbeiten sie unter enormem Druck und unter einer größeren Ansteckungsgefahr als der „Otto Normalverbraucher“. Das geht an die Substanz. Bei den Beschäftigten auf den Covid-Stationen, die zum jetzigen Zeitpunkt, sofern Sie das wollten, geimpft sind, war die Erleichterung förmlich greifbar. Auch Sie haben Familie, möglicherweise Risikopatienten im privaten Umfeld und sind trotz aller Professionalität nur Menschen. Dass für Sie das Risiko, an COVID-19 zu erkranken, nun auf ein Minimum reduziert wird, freut mich persönlich sehr. Es ist das Mindeste, was unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter nach monatelanger Schwerstarbeit in Schutzausrüstung verdient haben.

COVID-19 wirft auch Gerechtigkeitsfragen auf, etwa wenn es um den Zugang zu Impfungen – Stichwort „Impfvordrängler“ – geht. Empfundene Ungerechtigkeit führt zu Non-Compliance. Welche Impfstrategie gilt innerhalb des WIGEV?

Das Thema Impfen ist ein sensibles Thema – wir kennen es schon aus Zeiten vor Corona, wenn auch in stark abgeschwächter Form. In der Vergangenheit ging es vornehmlich um Menschen, die sich aus unterschiedlichen Gründen nicht impfen lassen wollen. Das wird durch die mediale Berichterstattung rund um die COVID-19-Impfvordängler oftmals vergessen.

Zur aktuellen Situation so viel: Eine eigene Impfstrategie gibt es im Wiener Gesundheitsverbund nicht – hier folgen wir den Vorgaben des Bundesministeriums, von denen ja auch die Impfstoffvergabe abhängt. Für uns ist es Anlass zu großer Freude und Demut, dass wir als Unternehmen die Möglichkeit haben, all jenen, die das möchten, eine Impfung gegen COVID-19 anbieten zu können.

Skepsis gegen Corona-Impfungen gibt es auch unter Pflegepersonen. Wie geht der WIGEV damit um?

Wir haben auf eine klare, ehrliche und umfassende Information unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gesetzt. Bereits im Dezember konnten sich diejenigen, die sich schon zu diesem Zeitpunkt für eine Impfung entschieden haben, melden. Es war jedoch von vornherein klar: Niemand wird zu einer Impfung verpflichtet! Wir folgen hier der Empfehlung der Bioethikkommission. Dazu kommt: Wenn sich jemand nicht im ersten Durchgang impfen lassen möchte, kann er das auch später noch. Wir haben zum jetzigen Zeitpunkt eine sehr zufriedenstellende Durchimpfungsrate, was mich davon überzeugt, dass sich Klarheit und Ehrlichkeit in der Information und Kommunikation ausgezahlt hat. 

Autoren

Mag. Klaus Putzer

Mag. Klaus Putzer ist herausgebender Chefredakteur von „Compliance Praxis“ – Magazin und Portal. Zuvor war er in mehreren Verlagen als leitender Redakteur im Magazinbereich beschäftigt bzw. als fre...