Navigation
Seiteninhalt

Initiative: Neun „Public Value Principles“ für eine nachhaltigere Wirtschaft

Dem Vertrauensverlust in Unternehmen und Institutionen wird oft genug mit White- oder Greenwashing begegnet. Mit neun „Public Value Principles“ stellt eine junge Initiative aus Berlin allen Akteuren ein neues Instrument für ihre ESG-Compliance zur Verfügung. Wie die Prinzipien entstanden und worauf sie abzielen. 
Von Mag. Martin Kreutner MSc
02. Juni 2021 / Erschienen in Compliance Praxis 2/2021, S. 16

Vertrauen in der Krise?

Ein gewisses Ausmaß an gegenseitigem Vertrauen war wohl schon in Urzeiten gewünschte Voraussetzung im Austausch von Gütern und Leistungen. Dieses Vertrauen bildete dann auch die Basis für die Entstehung der Märkte sowie für den so genannten Sozialvertrag und damit letztlich für das staatliche Gemeinwesen. Um dieses essenzielle Element „Vertrauen“ scheint es heute aber immer weniger gut bestellt zu sein. Und das auf fast allen Ebenen: innerstaatlich, regional und international, zwischen Schichten und Bekenntnissen, zwischen Bevölkerungs- und Berufsgruppen, zwischen Stadt und Land.

Der auch heuer wieder zu Jahresanfang veröffentlichte Edelman Trust Barometer (vgl Infobox „Webtipps“) erhebt bei weltweit 33.000 Befragten in 28 Ländern unter anderem das Vertrauen in die Wirtschaft, in NGOs, in Regierungen und in die Medien. Ein markantes Ergebnis der Studie ist, dass die Befragten in 18 von 27 Ländern den Wirtschaftsunternehmen mehr Vertrauen entgegenbringen als den Regierungen. Generell ist der Vertrauensindex weltweit für die Wirtschaft mit 61 Punkten am höchsten, während NGOs 57, Regierungen 53 und Medien 51 Punkte erreichen (vgl Edelman Trust Barometer 2021, Seite 6).

Ohne hier einem Diskurs über all die derzeitigen gesellschaftskritischen Strömungen und ideologischen Plattenverschiebungen Raum zu geben (vgl Infobox Literaturtipps), kann zusammenfassend doch diagnostiziert werden, dass es eine explizite Erwartungshaltung in unseren Gesellschaften gibt, dass wirtschaftliches Agieren nicht mehr nur auf möglichst hohe Gewinne abzielen soll. Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, die Beachtung von Grund- und Menschenrechten, die Bedachtnahme auf gesellschaftliche Verantwortung und den ökologischen Fußabdruck unternehmerischen Handelns werden vermehrt Teil der sozialen Gesamtgleichung. Der Beitrag der Wirtschaft zum generellen Gemeinwohl soll dabei auch den oben angesprochenen Vertrauensschwund zu überbrücken helfen.

Bloße Ankündigungen – wie etwa der gefeierte Paradigmenwechsel vom Shareholder Value zum Stakeholder Value jener knapp 200 CEOs der US-amerikanischen Business Roundtable Initiative des Jahres 2019 – werden dazu nicht ausreichen. Insbesondere müss(t)en solche kulturellen Rekalibrierungen und Neuausrichtungen (vor)gelebt (Leadership by Role-­Modelling) und per Tatsachen umgesetzt werden (Walk the Talk), um sich nicht dem zum Teil bereits jetzt berechtigten Vorwurf des bloßen White- bzw. Greenwashing oder Moral Self-Licensing auszusetzen1 .

Auch muss man keine überbordende Nähe zu marxistisch-kommunistischen Hardcore-Verschreibungen haben, um eine gewaltige gesellschaftliche Schief­lage in der Tatsache zu erkennen, dass die bekannten 2.365 Milliardäre dieser Welt laut Medienberichten allein im ersten Jahr der COVID-19-Krise ihren Reichtum um durchschnittlich 54% steigern konnten. Etliche von ihnen hatten die oben angeführte Deklaration zum Stakeholder Value vollmundig mitinitiiert und mitunterschrieben.

Vom Greenwashing zu den Public Value Principles for Sustainable Business

Einem offensichtlich differenten Zugang hat sich die junge, in Berlin ansässige NGO Your Public Value (YPV) verschrieben (die der Autor dieses Artikels pro bono als Mitglied des Advisory Council berät). Basierend auf aktuellen akademischen Konzepten dieser Begrifflichkeit definiert sie dabei: „Public value is value preserved and created through positive action – for all and each of us, for society and the environment.” Diese Definition von Gemeinwohl beansprucht im Kontext

 

  • „die Gesellschaft und die Umwelt als essenzielle Stakeholder anzuerkennen;
  • diese Stakeholder als Träger von Legitimität und Rückhalt jeder öffentlichen oder privaten Institution/Unternehmung in deren gemeinsamem Bemühen um eine nachhaltige Ausgewogenheit von Eigen- und Gemeininteressen zu betrachten;
  • eine gemeinsame Ziel- und Zweckbestimmung unter allen Stakeholdern jeglicher Unternehmungen und von öffentlichen Projekten, unter angestrebtem Konsens, zu artikulieren; und
  • Reziprozität, basierend auf breitem Dialog und öffentlicher Beteiligung, zu generieren, um Transparenz und Compliance sicherzustellen.“ 

Darauf aufbauend wurden im Jahre 2020 insgesamt 124 CSR-, ESG- sowie Corporate Governance-Experten (ua der Autor dieses Artikels) aus ganz Europa eingeladen, Postulate und Prinzipien zum angeführten Public Value-Begriff zu erarbeiten. Dabei ging es um die Frage, welche Leitlinien Unternehmungen für sich setzen und beachten können, um diesen Public Value-Ansprüchen gerecht zu werden und sie auch skalierbar zu machen. Einvernehmen bestand auch dahingehend, dass es bewusst um keine Konkurrenz zu bestehenden KPI-, CSR-, ESG-, ISO- oder sonstigen Regimen gehen sollte.

Neun Gemeinwohl-Prinzipien & ­Vorbildverantwortung

Nach persönlichen Konsultationsrunden in Berlin, London und Zürich sowie – nach Ausbruch von COVID-19 – unzähligen virtuellen Arbeitstreffen wurden letztendlich neun einerseits bewusst einfache und andererseits doch möglichst umfassende Public Value Principles herausgeschärft und im März 2021 vorgestellt, die hier im englischen Original wiedergegeben werden.

Diese neun Prinzipien sind als Leitlinien, Verortungspunkte und letztlich – sofern auch formell übernommen – als Wertebekenntnis intendiert. Mittels eines innerbetrieblichen Public Value Self-Assessment Tool soll die Möglichkeit geboten werden, eigenes unternehmerisches Handeln gegenüber Gemeinwohl-Erfordernissen abzutesten und einzuordnen. Der Fokus, damit wohl auch der USP (im Sinne von Unique Servicing Proposition) dieses Ansatzes liegt darin, dass kein zusätzliches externes Überwachungs- oder Zertifizierungsverfahren eingesetzt, sondern vielmehr die thematische Entscheidungs-, Handlungs- und abgeleitete Selbstpositionierungskompetenz im Unternehmen angesprochen und belassen werden soll.

Bereits vor etwa hundert Jahren hat Mary Parker Follet (1868–1933), eine der ersten breit bekannten Autorinnen über Management- und politische Theorien, festgehalten: „Leadership is not defined by the exercise of power but by the ­capacity to increase the sense of power among those led.”4  Das zweite der neun oben angeführten Gemeinwohl-Prinzipien ergänzt diese Erkenntnis abschließend um die obligatorische Vorbildverantwortung auf allen Ebenen. Um Führungs- und Vorbildverantwortung geht es letztlich wohl für uns alle – in support of the common good, im Sinne des Gemeinwohls.

Public Value Principles

  1. We govern, lead, and run our company on the principles of fairness, respect, and inclusion for the benefit of society.
  2. We empower individuals and lead by example at all levels.
  3. We acknowledge individuals as the owners of their data and their privacy as a human right
  4. We enable and empower human oversight for an inclusive, transparent, and ethical use and application of technologies, data, and knowledge.
  5. We seek continuous improvement and build trust by measuring, auditing, and sharing intentions, actions, and impact transparently and regularly.
  6. We commit to corrective action in collaboration with our peers and stakeholders at large for any negative impact throughout our value chain.
  7. We are accountable for making a positive contribution to the societies in which we operate through our business models.
  8. We strive for systemic improvement towards circularity and regeneration within planetary boundaries.
  9. We aspire to an inclusive global social contract that will improve the lives of people locally and beyond.

Fußnoten

  1. Siehe dazu detaillierter Martin Kreutner, ­Compliance und die Latenz von Grenzüberschreitungen; Compliance Praxis 4/2020.   ^
  2. Your Public Value (2021), Common Good and Profit, (zuletzt aufgerufen am 14.05.2021)., https://yourpublicvalue.org/wp-content/uploads/2020/11/ypv_common-good-and-profit_web-3.pdf   ^
  3. Your Public Value (2021), Common Good and Profit, (zuletzt aufgerufen am 14.05.2021)., https://yourpublicvalue.org/wp-content/uploads/2020/11/ypv_common-good-and-profit_web-3.pdf   ^
  4. Zitiert in Hamel, G. & Zanini, M. (2020), ­Humanocracy – Creating Organizations as Amazing as the People inside them, Harvard Business Review Press, Boston/USA.   ^

Autoren

Mag. Martin Kreutner MSc

Mag. Martin Kreutner, MSc, ausgebildeter Jurist (Innsbruck/AUT) und Sozialwissenschaftler (Leicester/UK), war acht Jahre lang Dekan und Geschäftsführer (Dean and Executive Secretary) der Internatio...