20. Mai 2025
Hochgerechnet rechnet man für das Gesamtjahr mit über 7.500 Unternehmensinsolvenzen in Österreich – der höchste Wert seit Jahrzehnten. Diese Entwicklung erinnert an die Zeit der Finanzkrise, hat ihre Ursachen jedoch in einer komplexen Gemengelage: Hohe Kosten, Inflation, Fachkräftemangel, stagnierende Nachfrage sowie verschleppte Digitalisierungsmaßnahmen setzen viele Betriebe massiv unter Druck.
Hinzu kommen neue regulatorische Anforderungen, insbesondere im Bereich Nachhaltigkeit (ESG), Informationssicherheit und der EU-KI-Verordnung, die erhebliche Investitionen und organisatorische Anpassungen erfordern. Unternehmen sehen sich somit mit einer Vielzahl externer und interner Herausforderungen konfrontiert – viele davon außerhalb ihres unmittelbaren Einflussbereichs. In diesem Kontext rücken Compliance-Strukturen sowie die Rolle der Aufsichtsräte stärker in den Fokus. Letztere sind gefordert, Risiken frühzeitig zu erkennen, Missstände zu adressieren und aktiv zur Krisenprävention beizutragen.
Compliance ist Managementverantwortung – und mehr
Compliance, verstanden als die Einhaltung rechtlicher Vorgaben, interner Richtlinien und ethischer Standards, ist heute mehr denn je ein integraler Bestandteil verantwortungsvoller Unternehmensführung. Ein funktionierendes Compliance-Management-System (CMS) ist kein Selbstzweck, sondern eine zentrale Voraussetzung für Stabilität, Resilienz und nachhaltigen Erfolg.
Ein CMS ermöglicht es, Risiken systematisch zu erfassen, geeignete Maßnahmen abzuleiten und die Einhaltung gesetzlicher und unternehmensinterner Vorgaben zu gewährleisten. Besonders in wirtschaftlich herausfordernden Zeiten dient es als Schutzschild gegen Sanktionen, Haftungsrisiken und Reputationsverlust – und stellt zugleich ein Signal an Mitarbeitende, Investoren und Geschäftspartner dar, dass das Unternehmen integer agiert.
Aufsichtsräte: Kontrollorgan und strategischer Partner
Die Rolle von Aufsichtsräten beschränkt sich längst nicht mehr auf die passive Kontrolle der Geschäftsführung. Gerade in Krisenzeiten sind sie als strategische Partner und aktive Gestalter gefragt. Sie tragen Verantwortung dafür, dass ein wirksames Compliance-System existiert, regelmäßig überprüft wird und an veränderte Rahmenbedingungen angepasst wird.
Aufsichtsräte müssen darauf drängen, dass Frühwarnsysteme implementiert, Risiken proaktiv gemanagt und Hinweisgebersysteme sinnvoll eingesetzt werden. Die Compliance-Kultur – insbesondere der „tone at the top“ – wird dabei wesentlich von der Vorbildwirkung der Führungsebene geprägt. Geschäftsleitung und Aufsichtsrat haben gemeinsam sicherzustellen, dass Integrität gelebt und nicht nur kommuniziert wird.
Compliance in der Krise: Risikomanagement als Überlebensfaktor
In Krisensituationen zeigt sich der wahre Wert von Compliance. Eine belastbare Risikobewertung, die Kenntnis regulatorischer Pflichten und transparente Kommunikationswege helfen nicht nur, Haftungsrisiken zu vermeiden, sondern schaffen auch Vertrauen bei Stakeholdern – intern wie extern.
Beispiel Insolvenz: Kommt es zu Liquiditätsengpässen oder akuten Krisen, ist der Aufsichtsrat verpflichtet, auf eine ordnungsgemäße Information durch das Management zu bestehen – insbesondere im Hinblick auf die rechtzeitige Insolvenzanmeldung. Ein funktionierendes CMS kann in diesem Zusammenhang persönliche Haftungsrisiken reduzieren und zur Aufarbeitung sowie zum möglichen Turnaround beitragen.
Der strategische Wert von Compliance bei Insolvenzen
Im Falle einer Insolvenz liefert die Compliance-Organisation wesentliche Informationen zu internen Abläufen, Entscheidungen und Maßnahmen. Diese Daten sind nicht nur für Insolvenzverwalter entscheidend, sondern auch für eine glaubwürdige Kommunikation mit Stakeholdern und die Option auf einen Neuanfang. Der Aufsichtsrat ist dabei zentraler Ansprechpartner und sollte über die nötige Kompetenz und Haltung verfügen, um auch in schwierigen Phasen Orientierung zu bieten.
Anforderungen an Aufsichtsräte steigen – und mit ihnen die Verantwortung
Die Erwartungen an Aufsichtsräte haben sich in den vergangenen Jahren erheblich verändert. Neben klassischer Finanz- und Rechtskompetenz werden zunehmend Fähigkeiten in den Bereichen Digitalisierung, Nachhaltigkeit, Krisenmanagement und Compliance erwartet. Die geopolitische Lage, neue Regulatorik (z. B. EU-AI-Act) sowie ESG-Berichtspflichten erhöhen die Komplexität weiter. Aufsichtsräte sind daher gefordert, sich laufend weiterzubilden und als Teil der Unternehmensführung aktiv Verantwortung zu übernehmen.
Compliance ist Pflicht, nicht Kür
Compliance ist heute weit mehr als ein Kontrollinstrument – sie ist ein strategisches Werkzeug, das Unternehmen stärkt und in der Krise schützt. Für Aufsichtsräte bedeutet das eine aktive Rolle bei der Gestaltung einer verantwortungsvollen Unternehmensführung, die sowohl rechtliche als auch ethische Maßstäbe erfüllt. Ihre Haltung, ihr Wissen und ihre Konsequenz sind entscheidend, um Unternehmen sicher durch turbulente Zeiten zu führen. Unternehmen, die Compliance als integralen Bestandteil ihrer Strategie verstehen, handeln nicht nur gesetzeskonform – sie sichern auch ihre Zukunftsfähigkeit.
.LOUPE
Autoren
Mag. Martin Reichetseder
Mag. Martin Reichetseder, Director Legal Services & Group Compliance Officer der TGW Logistics Group GmbH, Autor, Mitgründer und CEO von .LOUPE – focused on business integrity.