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Die Angst des Industriemagazins vor der Compliance

13.03.2013  |  Von Mag. Klaus Putzer
Schlagworte: Bürokratie | Scheinmoral | Industriemagazin | Compliance

Ein Ungetüm hat es aus den USA über den großen Teich geschafft: „Compliance“ behindert jetzt auch in Wien die Geschäfte rechtschaffener Unternehmer. Doch der Widerstand gegen die „Scheinmoral der Sittenwächter“ wächst. Das behauptet zumindest das Industriemagazin. Eine Erwiderung.

Grafik: Industriemagazin

Das Industriemagazin hebt in seiner jüngsten Ausgabe Compliance auf die Titelseite (rechts im Bild). Oder besser: Eine heftige Polemik gegen den „verwalteten Anstand“, wie es da heißt. Der Artikel – nachzulesen auch im Internet – macht Stimmung gegen ein vorgeblich amerikanisches Importprodukt, das – kurz gefasst – unter hohen Kosten in erster Linie puritanisch-heuchlerische Sittsamkeit fördere und dabei das freie Geschäftsgebaren grundanständiger Unternehmer unnötig erschwere.

„Der allgemeine Mainstream zwingt Unternehmen eine aufgeblähte Compliance-Administration auf, die teuer und ineffizient ist“, lautet ein Kernsatz.

Richtig daran ist, dass auch in Österreich Compliance zum Mainstream wird. Das Phänomen ist jung, der Begriff beginnt sich erst langsam durchzusetzen, doch kein Zweifel: Der Zug fährt in diese Richtung. Dass drei der vier erfolgreichsten Manager Österreichs (nach einem Ranking des Industriemagazins von 2012) Compliance Praxis Cover-Interviews gegeben haben, ist nur eines von vielen Indizien dafür. Wolfgang Anzengruber, Wolfgang Eder und Hans-Peter Haselsteiner hätten sich mit dem Thema wahrscheinlich kaum öffentlich exponiert, würden sie nicht hinter dem Grundgedanken und hinter ihren Compliance-Abteilungen stehen.

Falsch an oben zitiertem Kernsatz ist der Rest. Zunächst einmal zwingt hierzulande niemand Unternehmen zur Einrichtung eines Compliance-Systems, insbesondere nicht der Gesetzgeber. Sollte sich ein Unternehmen dennoch dazu entschließen, ist noch lange nicht ausgemacht, dass die ergriffenen Maßnahmen „aufgebläht“, „teuer“ und noch dazu „ineffizient“ sein müssen. Warum sollten Unternehmen sich selbst ein Bein stellen?

Im Gegenteil: Fachleute, die sich – theoretisch oder praktisch – schon länger mit dem Design von Compliance-Systemen befassen, plädieren für höchstmögliche Effizienz. Nur so akzeptieren Mitarbeiter die Maßnahmen auch. Das kann im Fall mittelständischer Betriebe auch bedeuten, dass keine eigene Compliance-Funktion notwendig ist (wobei die Rechts-Risiken nicht zwingend von der Firmengröße abhängen, etwa im Zusammenhang mit Handelsembargos). Für größere Firmen bedeutet es, dass Risiken erfasst, Instrumente ausgewählt, Verantwortliche benannt, letztendlich Maßnahmen individuell angepasst werden. Compliance-Systeme sehen so unterschiedlich aus, wie die Firmen, die sie entwickeln (lassen).

Die alles erstickende Checklisten-Compliance ist nicht mehr State of the Art, auch wenn sie da oder dort noch vorkommen mag. Hier liegt das größte Defizit des Artikels: Er argumentiert nicht auf der Höhe des Fachs. Siemens etwa hat sein Compliance-System seit der Einführung 2007 längst verschlankt, hat Überbordendes eliminiert, Bürokratisches minimiert.

Das alles wäre in Erfahrung zu bringen gewesen, hätte es der Autor der Mühe wert befunden, einen einzigen Compliance-Verantwortlichen aus Österreich zu befragen. Stattdessen kommen gleich mehrere Wirtschaftsethiker zu Wort. Wirtschaftsethik hat zwar mit Compliance zu tun, der Fokus liegt jedoch anderswo, wie ein Statement von Ulrich Thielemann, Direktor eines Berliner Think-Tanks, zeigt. Thielemann lehnt Anreizsysteme für Wohlverhalten (beispielweise die Koppelung von Bonus-Ausschüttungen an die Erfüllung definierter Compliance-Ziele) ab. Begründung: „Dann würden die Leute wieder nur aus Egoismus statt aus innerem Antrieb handeln.“

Es stimmt, dass eine moralische Umerziehung aller Mitarbeiter zu astreinen Altruisten keinem Compliance-Programm gelingen wird. Das ist auch nicht das Ziel. Es genügt vollauf, wenn Angestellte wissen, was erlaubt ist, wenn sie sicher sind, dass die Firmenspitze augenzwinkernde Packeleien jeder Art ablehnt und sich darüber freuen können, dass geradliniges Geschäftemachen belohnt wird.

Zu Wort kommt weiters ein besorgter Georg Knill, Eigentümer und CEO des Maschinenbauers Knill Technologies. Er sagt: „Man darf ja nicht vergessen, dass Geschäfte immer noch zwischen Menschen gemacht werden. Da gehört die persönliche Beziehung auch dazu. Und es ist für diese Beziehung sicher nicht förderlich, wenn ich sagen muss: Wir können uns schon treffen, aber nur für eine halbe Stunde, und wir dürfen nichts anderes trinken als Mineralwasser.“

Herrn Knills Befürchtungen können entkräftet werden. Seine Informationen sind unrichtig. Stundenlange Geschäftsessen sind weiterhin erlaubt, sogar mit Weinbegleitung. Warum auch nicht? Freundschaften mit Geschäftspartnern sind weiterhin nicht untersagt. Wer könnte sie verbieten? - Im Zweifel zahlen Freunde - vor allem wenn einer von ihnen "Amtsträger" ist - ihre Rechnungen selbst. Das wird der persönlichen Beziehung hoffentlich keinen Abbruch tun.

Geschäftsbande zwischen Menschen, Handschlagqualität, Gemütlichkeit gar, all das bleibt unberührt vom Compliance-Gedanken. Richtig verstandene Compliance hat sich einerseits um die Einhaltung handfester Rechtsmaterien wie Antikorruptionsgesetze, Embargos, Geldwäschebestimmungen, Kapitalmarkt- oder Kartellgesetze zu kümmern, andererseits dient sie im Rahmen der Corporate Governance dazu, gute Unternehmensführung zu fördern, die auch mehr und mehr auf allen Ebenen von der Gesellschaft eingefordert wird.

Ja, es stimmt. Die Zeiten augenzwinkernder Doppelbödigkeiten neigen sich tatsächlich langsam dem Ende zu. Das ist der erfreuliche Mainstream in Wirtschaft und Politik (man blicke nur einmal nach Kärnten). Bedauern mag das, wer will.