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Traurig sein verboten?

Zwangsoptimismus, positives Denken und gute Laune haben auch ihre Schattenseiten, meint unser Blog-Autor Thomas Schneider. Wer als Compliance-Manager negative Gefühle wie Traurigkeit ständig unterdrückt, tut weder sich noch seinem Unternehmen etwas Gutes.

Gefühle sind Compliance Officern erlaubt, allerdings nur positive. Glücklich sein darf, motiviert sein muss man. Enttäuschungen, ja Wut, dürfen kurzfristig entstehen, solange sie rasch in positive Gedanken, positive Energie und positive Ergebnisse umgewandelt werden. Aber Traurigkeit? Schnell kommt das Burnout-Syndrom, die neue Volkskrankheit der Wehleidigen, ins Spiel und der Compliance Officer ist aus dem Rennen. Hierfür ist kein Platz, nicht in Unternehmen, nicht in der Compliance.

Dabei hat Traurigkeit durchaus positive Auswirkungen (Gruber 2016, S. 477 – 479):

  • Aus Sicht der Evolution geben negative Gefühle Hinweise auf Probleme und Bedrohungen, die Aufmerksamkeit benötigen;
  • negative Gefühle helfen bei der Konzentration, erleichtern analytisches und detailliertes Denken, verringern das Denken in Stereotypen, steigern die Erinnerung von Augenzeugen und fördern bei anspruchsvollen Aufgaben die Beharrlichkeit;
  • der Versuch negative Gefühle auszublenden führt oft zum Gegenteil, die Unterdrückung erhöht die seelische Pein, intensiviert Suchtmittelgebrauch, steigert Fehl- und Überernährung bis zum Auftreten von Selbstmordgedanken.

Die wissenschaftliche Tradition hat sich lange mit den Vorteilen positiver Gefühle beschäftigt, dabei gibt es ebenso negative Auswirkungen positiver Gefühle:

  • die Förderung auf sich selbst zentriertem Denken und Verhalten, wie Egoismus, Stereotypenbildung, Betrug, Unehrlichkeit und geringere Empathie;
  • die Ablenkbarkeit wird erhöht, die Leistung bei detailorientierten Arbeiten nimmt ab;
  • Hemmungen werden reduziert, das Eingehen unkontrollierbarer Risiken nimmt zu.

Psychisches Wohlbefinden wird nicht durch das ausschließliche Vorhandensein eines Gefühls bestimmt, sondern durch eine Vielzahl von Gefühlen. Wichtig ist die Achtsamkeit auf die Höhen und Tiefen, des Lebens im Allgemeinen und der beruflichen Tätigkeit als Compliance Officer im Speziellen. Der Grad der psychischen Flexibilität ist für das Wohlbefinden sehr viel wichtiger als ständiges Hochgefühl. Oder um es mit der schlichten, alten Volkswahrheit zu sagen: auf Regen folgt wieder Sonnenschein.

 

 

Buchtipp: „Wirkungsvolle Compliance“

Thomas Schneider

Wirkungsvolle Compliance: Mit praxiserprobten Maßnahmen zur erfolgreichen Umsetzung

Verlag Springer Berlin Heidelberg, 2018

ISBN: 978-3662559406

214 Seiten

35,97 EUR