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Wie viel Empathie braucht der Compliance Officer?

Autisten mögen nur selten in der Compliance tätig sein. Allerdings gibt es eine abgeschwächte Form des Autismus, das Asperger-Syndrom. Gerade der typische Compliance Officer scheint manchmal Anzeichen dieses Syndroms zu zeigen. 

Der Philosoph und Finanzmathematiker Nassim Nicholas Taleb zeigt in seinem Buch „Der Schwarze Schwan“ [Nassim Nicholas Taleb, Der Schwarze Schwan, Konsequenzen aus der Krise, Hanser Verlag 20101]  auf, dass bei vielen Menschen eine zentrale Fähigkeit unterentwickelt ist, nämlich die, anderen Menschen Wissen zuzuschreiben, das sich vom eigenen unterscheidet. Bei Kindern kann man diesen Mangel testen: Ein Kind stellt ein Spielzeug auf einen Tisch und verlässt den Raum. Dann kommt ein zweites Kind und versteckt das Spielzeug unter dem Bett. Das zweite Kind wird gefragt, wo das erste Kind das Spielzeug suchen wird. Kinder unter vier Jahren entscheiden sich für das Bett, da sie noch nicht nachvollziehen können, dass dem anderen Kind Informationen fehlen, über die es selbst verfügt. Erst ab dem vierten Lebensjahr setzt sich diese Erkenntnis durch. Dieser Test gibt Hinweise auf das Vorliegen des Asperger-Syndroms. Wie hätte wohl der typische Compliance Officer, wie hätten Sie abgeschnitten?

Empathisch oder autistisch?

Beim menschlichen Naturell gibt es zwei Extreme im Hinblick auf die Fähigkeiten, zu systematisieren bzw. Empathie zu empfinden. Stark systematisierende Menschen verfügen über ein schwach ausgeprägtes Einfühlungsvermögen. Es zieht sie zu technischen Berufen hin, sie neigen zu Tätigkeitsfeldern, in denen „richtig“ und „falsch“ eindeutig feststehen, wie etwa Rechnungslegung. Empathischere Menschen wissen, dass es auf viele Fragen nicht die eine „richtige“ Antwort gibt, sie neigen allerdings auch zu geringerer Sorgfalt beim Erledigen von Aufgaben. Sie ergreifen tendenziell soziale Berufe.

Zu wenig Fantasie für den Regelverstoß

Systematisierende Menschen lehnen Vielschichtigkeit und Unsicherheit ab, da nicht sein kann, was nicht sein darf. Sie tun sich schwerer, nichtsprachliche Signale richtig zu deuten und senden selbst widersprüchliche Signale aus. Die Prüfung eines Agentenvertrages gelingt ihnen hervorragend. Für die Erwägung der Möglichkeit, dass eine ganze Gruppe von Mitarbeitern und deren externe Partner Compliance-Vorgaben systematisch aushebeln, fehlt ihnen schlicht die Fantasie. Sie beschränken sich im Gespräch auf „technische“ Aspekte. Mögliche Indizien ignorieren sie, Hinweisen gehen sie nicht nach, weil sie sie gar nicht als solche wahrnehmen.

Kommt es dann zum sprichwörtlichen „Knall“ ist das Erstaunen groß. Wo empathische Menschen hingehört und nachgefragt hätten, da hat der Systematiker gar nichts bemerkt. Die Konsequenz aus einem Vorfall ist dann aber oft nicht ein feineres Sensorium für schwache, widersprüchliche Signale, sondern noch mehr Vorgaben und Prüfungen. Was nicht funktioniert hat, wird nicht verändert, sondern verschärft.

Wer sitzt in Ihrem Compliance-Team?

Deshalb sollte die Zusammensetzung eines Compliance-Teams Anlass zum Nachdenken geben. Systematisierende Compliance Officer sind wichtig, ja unverzichtbar; eine gewisse Anzahl empathischer Mitarbeiter jedoch in gleichem Maße. Vielleicht sollte bei der nächsten Einstellung einmal bewusst ein anderer Menschentyp gesucht werden, könnte die Soziologin statt der Juristin eingestellt, der Politikwissenschaftler dem Betriebswirtschaftler vorgezogen werden.

 

Buchtipp: „Verhaltensorientierte Compliance“

Was verhaltenswissenschaftliche Ansätze und Methoden für effektives Compliance-Management leisten, untersucht das Werk „Verhaltensorientierte Compliance“ von Thomas Schneider und Carina Geckert (Erich Schmidt Verlag).

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